Get in touch with music

Jede Kunst hängt auch immer von den verwendeten Werkzeugen ab. So ist es auch bei der Musik. Dabei war Musikinstrument und Eingabeform seit Menschengedenken immer vereint: An einer Gitarre zupft man die Saiten, bei einem Klavier drückt man Tasten die dann eine Hammermechanik in Gang setzt die wiederum auf Saiten haut…usw. Auch bei elektronischer Musik war das Jahrelang so. Die Hardwaresynthesizer wurden über eine Anordnung von Knöpfen und eine Klaviatur bedient. Aber seit der digitalen Revolution, seit dem der Klang im Rechner entsteht, ist die Eingabeform zum erstenmal frei!

Was haben nun die Hardwarehersteller mit dieser Freiheit angefangen? Zum größten Teil nichts. Die frühen Controller, die es seit knapp 10 Jahren gibt, sehen eigentlich alle gleich aus: Eine Klaviatur, ein paar Fader und/oder Drehregler, das wars. Obwohl nun also das Eingabeformat vollkommen frei war, wurde auf die üblichen Möglichkeiten zurückgegriffen. Einziger Vorteil: Ich kann jetzt dem Fader bzw. Drehregler eine beliebige Funktion zuweisen, anstatt wie früher eine feste Bedeutung für ein bestimmtes Hardwareelement. Tatsächlich war das Alleine schon ein Meilenstein. Aber danach tat sich nichts mehr. Zumindest nicht bei den großen Firmen.

Vor einigen Jahren kam dann das Monome, das konsequenter Weise eine Anordnung von Schaltern zur Musikeingabe beteitstellt. Kleine Firma, hübsch, aber eigentlich nur was für Bastler, Programmierer, Freaks…. denn Plug´n´Play sieht anders aus. In neuerer zeit sorgt das Tenori-on für Wirbel. Ebenfalls eine Matrix mit Schaltern, nett durchdachtes Konzept, aber leider kaum kommunikationsfähig mit anderen Bestandteilen des Setups, da nur eingeschränkt Midifähig (was jenseits der Spielzeuggrenze eigentlich ein Todesurteil ist). Dieses Gerät hat es bis in die Massenmedien geschafft, so dass sogar Musikunerfahrene mich darauf ansprechen…..

2005 kam der Lemur von Jazzmutant auf den Markt, den ich mir neulich geleistet habe. Ein komplett konfigurierbarer Multitouchscreen. Jetzt ist die Eingabeform frei. Zumindest ein wenig. Denn man kann beim Lemur auch nur auf eine begrenzte Auswahl von Objekten zurückgreifen, die aber so toll kombinierbar sind, dass sich dadurch 1000 von Möglichkeiten ergeben. Der Preis ist allerdings…nun sagen wir mal „exklusiv“…(wobei „orbitant“ auch ein schönes Wort ist). Und nicht nur deshalb hat das Gerät auf dem Massenmarkt kaum Chancen. Vielmehr ist auch der Lemur „Freakware“, die vom Benutzer verlangt sich intensiv damit zu beschäftigen. Zwar sind einfache Funktionen leicht über den Editor zu machen (und wirklich parallel zum musikschaffenden Prozess), aber wenn es ein wenig anspruchsvoller wird, steht man alleine da: Möglich ist viel… aber man muss sich quer durch die Foren lesen, gute (Video)tutorials sind Mangelware, und wenns richtig heiß wird (z.B. Stepsequenzer realisieren), dann muss man MAX/MSP programmieren. Somit hat man ein neues „Hobby“, obwohl man eigentlich nur Musik machen wollte. Das nervt!

Viele Freunde haben mir gesagt, das sei normal und nicht zu ändern. Ich stimme da nicht überein. Wenn z.B. Jazzmutant eine bessere Bedienungsanleitung mit Beispielen für die Variablenprogrammierung mitliefern würde, ein paar (brauchbare) Videotutorials ins Netz stellen würde, und ne Anleitung wie man denn nun die Stepsequenzer installiert, die die Community programmiert und auf der Produktseite zum freien Download bereitgestellt hat, dann müsste ich mich nicht durch Foren forsten um versteckte Hinweise zu finden. OK- Insider: Hätten die Jazzmutants die interne Uhr nicht so zum Eiren gebracht, wäre die ganze MAX/MSP Sache eh unnötig. Also, auch wenn der Lemur in den Möglichkeiten tatsächlich das non plus ultra ist, so wird er nie den großen Markt erobern, da er trotz des hoch angesiedelten Preises Freakware ist.

Genauso geht es mit vielen neuen Applikationen für das iphone oder den ipod-touch, die hier von CDM zusammengefasst werden. Die kosten zwar meist nix – außer dem iphone – kommen aber über die Bezeichnung „Spielzeug“ auch nicht hinaus. Die meisten Templates sind nicht konfigurierbar. Klar – von Freaks für Freaks. Ich muss mein iphone hacken(!), darf mich wieder durch Foren forsten bis ich das installiert habe und bin dann so froh, dass es läuft, dass ich fast vergesse, dass ich die letzten 2 Wochen statt Musik zu machen mich mit Programmieren auseinander gesetzt habe. HALLO? WER WILL DAS? (OK – ich finds ja nett, wenn Leute das machen und zum freien Download zur Verfügung stellen, natürlich machen die dann keine ausführliche Doku….)

Die Frage ist die: WANN KOMMT DIE TOUCHSCREEN-PROGRAMMIERUNG AUS DER FREAKECKE RAUS? Und jetzt sagt mir nicht „nie, weil das unmöglich ist“ Bullshit! Der Lemur ist ein guter Ansatz. Zwar könnte ich nach 2 Wochen bereits ne Liste für den Editor vorlegen mit Verbesserungsvorschlägen ohne Ende, aber immerhin ist die Konfiguration ohne größere Programmierkenntnisse möglich. Wenn jetzt noch die Modul-Bibliothek nicht so lächerlich klein wäre und auch gleich sowas wie einen funktionalen, nicht leiernden Stepsequenzer beinhalten würde, dazu noch ein paar gute Videotutorials die auch in die Tiefe gehen und nicht wie die bei youtube nur Oberflächliches zeigen… wow, dann müsste man für den Massenmarkt nur noch an der Preissschraube drehen.

Ich glaube mittlerweile dass es eine Kombination von Arroganz und Ignoranz der Freaks ist, dass dem normalen User immernoch soviel zugemutet wird. Auf der anderen Seite – die entwickeln ja nur für sich. Schließlich verdienen die kein Geld damit (Der Lemur ist hier eine Ausnahme, die er sich aber auch heraus nehmen kann, da er noch am ehesten auch von Nicht-programmierer konfiguriert werden kann). Eigentlich wäre es Aufgabe der großen Firmen (M-Audio, Edirol, Korg….) so etwas auf den Markt zu bringen, nur die schlafen scheinbar.
Bis also ein massenkompatibler Touchscreen-Controller auf den Markt kommt werden noch Jahre vergehen….. Schade eigentlich.

Das unten angehängt Bild ist ein Fake. Ein Traum….. mehr nicht.

fakeabletoniphone.jpg

Dieser Beitrag wurde unter Musik machen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Kommentare zu Get in touch with music

  1. peschler sagt:

    Hola Wille,

    hör‘ ich da ein wenig Frust raus 😉
    Du beschreibst ein Problem, das es in Zukunft noch viel öfter geben wird: Die Industrie läuft dem Konsumenten hinterher. Die Gründe hierfür sind zahlreich und das will ich hier auch gar nicht alles diskutieren. Nur eins: Früher waren die Innovationszyklen wesentlich länger, die Firmen hatten genug Zeit darauf zu reagieren. Ausserdem waren die Innovationsmöglichkeiten früher viel eingeschränkter.
    Heute kommt eine neue Technologie und auf einmal eröffnen sich an verschiedensten Baustellen neue Möglichkeiten. Dank dem Netz weiss dann auch schon am nächsten Tag jeder Bescheid, was denn möglich wäre („Freakblogs“, Videos, Flickr, make, instructables). Leider verwechseln die meisten das was da gezeigt wird mit einem Produkt – und das sind diese Dinger nicht. Beschwer dich aber bitte nicht bei den Leuten, die sowas machen, die sind wenigstens innovativ und zeigen das es geht. Und – das muss ich jetzt mal so drastisch sagen – du kannst dir nen Wolf warten, bis es das Produkt gibt, das du haben willst. Siehe Lemur: Netter Ansatz, aber unvollständing ausgeführt. Du willst Tutorials? Bau‘ ne Webseite oder nerv‘ andere in Foren, das so eine Webseite toll wäre. Mach Vroschläge über das wie und was, biete deine Hilfe an und suche verbündete. That’s the way things work in Web2.0. Hätten die das Ding von Anfang an als OpenHardware rasugehauen, wär‘ es jetzt billig und überall und hätte ne Riesencommunity.

    Und damit sind wir dann auch schon wieder beim eigentlichen Problem: Geld und Kosten. Firmen produzieren Massenware, was du willst ist nach deren Definition ne eierlegende Wollmilchsau mit einer viel zu diffusen Zielgruppe und auf deren Belange einzugehen ist schlichtweg zu teuer – noch. Sehr passend hier mal nen Zitat aus einem Heiseartikel von heute:

    „Touchscreens als Bedienoberfläche für alltäglich genutzte Geräte und Gadgets sind erst mit Apples iPhone so richtig ins allgemeine öffentliche Bewusstsein gedrungen: Es gibt die Techniken zwar schon viel länger, doch erst die am iPhone demonstrierten Möglichkeiten des sogenannten Multitouch konnte die Anwender begeistern. Nun sollen zunehmend Handys und Multimediaplayer mit Touchscreens ausgestattet werden. Die Analysten von iSupply rechnen damit, dass sich der Touchscreen-Markt von 2008 auf 2012 mehr als verdoppeln wird. In diesem Jahr sollen weltweit 341 Millionen Touchoberflächen verbaut werden und rund 3,4 Milliarden US-Dollar einspielen. Bis 2013 sollen die Stückzahlen bereits auf 833 Millionen anwachsen, wobei laut iSupply insbesondere kapazitive Touchtechniken, wie sie das iPhone nutzt, im Kommen sind. Derzeit werden vornehmlich resistive Touchscreens genutzt, weil diese Technik die kostengünstigste ist.“

    (Quelle: http://www.heise.de/newsticker/Displays-zum-Anfassen–/meldung/108225 )

  2. peschler sagt:

    Der Artikel passt auch ganz gut zum Thema:
    http://www.heise.de/tr/Multitouch-Display-fuer-Open-Source-Bastler–/artikel/108068

    Du kannst die ja Microsoft’s Surface für 10000,-€ kaufen 😉 Aber ob das dann besser funktioniert als die Bastellösung…

  3. chefkoch sagt:

    Wow, Peter, das war mal wieder ne fundierte, tolle Antwort 🙂

    Und klar – ich werd die Freaks nicht dissen, weil sie so tolle Sachen machen und dann der Normaluser damit nicht zurecht kommt. Ich find es ja toll, dass die es machen! (Und umsonst zur Verfügung stellen und sich auch noch mit nervigen Typen in Foren auseinandersetzen…) Ich disse hingegen die Firmen!

    Denn
    a) will ich keine Eierlegendewollmilchsau, sondern einen sehr konkreten konfigurierbaren Touchscreen-kontroller.
    b) ist die Technik keineswegs neu! Und seit 2005 mit dem Lemur auf dem Musikmarkt. Jede Firma konnte sehen dass das beim Kunden ankommt. Wenn die Verkaufszahlen nicht so hoch sind, dann liegt das eher am Preis….. Geschwärmt haben von dem Ding alle Musikmagazine….nicht seit gestern, sondern seit Jahren!

    …naja…. ich hab ja jetzt meinen Lemur :-))
    (Freu mich schon darauf den Dir und Huber beim nächsten Treffen zu zeigen!)

  4. chefkoch sagt:

    Tja…das Thema ist aktuell:
    http://createdigitalmusic.com/2008/05/29/mainstream-multi-touch-is-coming-and-itll-rock-for-music/#more-3520
    …. aber wenn Multitouch erst Ende nächsten Jahres kommt, dann vielleicht noch timing Probleme hat und Musikanwendungen auch noch nicht sofort da sind… dann war der Kauf des Lemur doch noch gerechtfertigt.

  5. andrea sagt:

    hey na

    weißt du zufällig wo man eine deutsche anleitung zum lemur bekomm. ich schreibe in meiner diplomarbeit darüber und hab leider nur die englische anleitung. kannst du mit vielleicht helfen? bin ein bisschen verzweifelt

Schreibe einen Kommentar